Unsere Forderungen an die Politik für mehr und einfacheres flugfreies Reisen

Fernweh? Wir wollen die Welt und ihre wunderbare Natur entdecken, doch wie können wir das gestalten, dass uns diese auch noch lange erhalten bleibt? Individuelles Verhalten kann aktiv zu Veränderungen beitragen, doch was kann auch die Politik tun?

Reisen ohne Flugzeug innerhalb von Europa, und teilweise auch darüber hinaus, ist möglich. Gerade durch die zentrale Lage Deutschlands können viele Orte einfach mit Zug, Bus, Fähre oder einer Kombination dieser erreicht werden. Über den Land- oder Wasserweg können beeindruckende Landschaften aus dem Fenster betrachtet, der Weg mit spannenden Zwischenstopps zum Ziel gemacht und das Reisen einfach einmal etwas langsamer angegangen werden. Teilweise ist flugfreies Reisen auch günstiger, schneller und komfortabler. Leider ist aber auch oft das Gegenteil der Fall: Reisen ohne Flugzeug ist eine teure, zeitaufwändige und unbequeme Art der Fortbewegung.  

In dieser Blogsammlung zeigen wir viele Berichte über positive Erfahrungen, aber auch Herausforderungen, die als Inspiration zur Planung von Urlaub, Gruppen- oder Dienstreisen dienen sollen.  

Dabei ist die individuelle Verhaltensänderung sinnvoll, aber bei weitem nicht ausreichend. Aus globaler Perspektive betrachtet ist Reisen generell, und insbesondere mit dem Flugzeug, ein Privileg. In Europa kann aber auch gerade das Reisen ohne Flugzeug zum Privileg werden, da es nicht für alle möglich ist, einen alternativen Reiseweg zu nehmen. 

2021 rief die EU das Europäische Jahr der Schiene aus – Ziel war es, den Umstieg auf die Bahn als ein sicheres und nachhaltiges Verkehrsmittel zu fördern. Innerhalb von Europa gibt es in einigen Ländern zuverlässige und kostengünstige Zugsysteme, Schnellstrecken und Nachtzugverbindungen, die dem Flugzeug ernsthafte Konkurrenz machen.  

Jedoch reicht dies bei weitem nicht aus. Reisen mit dem Flugzeug sollte, gerade in so zentral gelegenen Ländern wie Deutschland, auf Kurz- und Mittelstrecken die Ausnahme und nicht die Regel sein. Dazu müssen sich strukturelle Gegebenheiten verändern, was nur durch politische Entscheidungen möglich ist. Als Teil der Zivilbevölkerung können wir unsere Meinung äußern und Veränderungen aktiv auf den entsprechenden Ebenen von der Politik fordern. 

Daher folgt hier eine erste Liste mit verkehrspolitischen Forderungen: 

  • Der Schienenverkehr muss ausgebaut werden. Dies gilt insbesondere für Nachtzüge, die sich großer Beliebtheit erfreuen und daher momentan auch oft ausgebucht sind. Bei dem Ausbau ist es wichtig, sowohl ökologische Nachhaltigkeit als auch soziale Verträglichkeit zu berücksichtigen. Das bedeutet, dass dieser weder der Umwelt noch in der Nähe lebender Menschen zu Lasten fällt. 
  • Wichtig wäre zudem ein einheitliches Buchungssystem für Züge innerhalb der EU. Gerade bei sehr weiten Strecken müssen oft Tickets von verschiedenen Zuggesellschaften erworben werden. Dies kann bei Verspätungen zu Herausforderungen führen, da man im Zweifel ein neues Ticket erwerben muss bzw. keine Rückerstattung der verpassten Anschlusszüge der anderen Anbieter bekommt. Es ist oft notwendig, sich sehr gut mit den Buchungswebseiten auszukennen, um gute und günstige Verbindungen zu finden. Buchungsvorgänge sollten auch möglichst barrierearm gestaltet sein, beispielsweise durch Formulierungen in leichter Sprache, die Verfügbarkeit in verschiedenen Sprachen oder eine gut funktionierende Sprachausgabe. Ein einheitliches und barrierearmes Buchungssystem würde daher ein niedrigschwelliges Angebot darstellen, das idealerweise die Entscheidung für den Zug als Transportmittel erleichtern würde. 
  • Der Schienenverkehr soll finanziell stärker gefördert werden, während die Steuervergünstigungen des Flugverkehrs abgebaut werden sollten. Anfallende Kosten sollten nicht auf Privatpersonen, sondern auf die Unternehmen gelegt werden. Wie der Ausgang der Debatte, um die nationale Kerosinsteuer in Deutschland gezeigt hat, ist eine nachhaltige Wirkung nur bei einer EU-weiten Regelung und Umsetzung zu erwarten. Möglicherweise könnte dies auch dazu führen, dass Flugrouten auf die EU angrenzenden Länder verlegt werden, das dann einen negativen Effekt hätte. Dies abzuwägen, ist wiederum eine Aufgabe der Politik. Dabei ist aber unabdingbar, dass sozioökologische Aspekte priorisiert werden. 
  • Bei internationalen Jugendreisen sollte klimaschonendes Reisen auch in der Förderlogik verankert und Reisen mit Flugzeug nur im Ausnahmefall finanziell erstattet werden. Hierbei verweisen wir auf die geforderten Konsequenzen für die finanzielle Förderung von Jugendbildung und -austausch des Walberberger Statements. Dazu ist der erhöhte Fördersatz bei Green Travel des ERASMUS+ Programms oder die Erweiterung der abrechenbaren Reisetage ein vielversprechender, aber noch ausbaufähiger Anreiz. Ansätze wie der des Beachvolleyballvereins Sand für alle e.V., die Reisezeit bereits für Programm zu nutzen, sind vielversprechend und sollten deshalb auch finanziell gefördert werden. 
  • Für Dienstreisen ist eine Anpassung des Reisekostengesetzes notwendig. Wichtig wäre eine Verpflichtung zu einer möglichst umweltfreundlichen An- und Abreise. Als ein guter Anhaltspunkt dient die Selbstverpflichtung der Scientists for Future, die bei unter 1000 km Entfernung nicht fliegen. Aus dieser freiwilligen Selbstverpflichtung sollte jedoch eine bindende Verpflichtung werden, die wiederum nicht zulasten von sozialen Aspekten ausfallen sollte. Für Eltern oder pflegende Angehörige müssen Lösungen gefunden werden, damit eine flugfreie An- und Abreise keine soziale Benachteiligung verursacht. Denkbar wären hier mehr digitale und hybride Arbeitstreffen, zusätzliche Betreuungsangebote für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige oder die Flugreise als begründete Ausnahme. Wenn es möglich ist, im Zug oder Bus zu arbeiten, sollte dies als Arbeitszeit anerkannt werden. Hier wäre es notwendig, den Zug als Arbeitsplatz attraktiver zu machen, beispielsweise durch Abteile mit Arbeitsplätzen und einer zuverlässigen Internetverbindung. Wichtig wäre auch, dass die technische Ausstattung, die das Arbeiten während flugfreier Reisen erleichtert, beispielsweise Pakete für erhöhtes Datenvolumen oder Sichtschutzfolien für Laptops, finanziell gefördert wird und abrechenbar ist. 

Diese Liste mit Forderungen ist eine erste Sammlung Und könnte sicherlich erweitert werden. Wenn ihr euch für dieses Thema interessiert und hier aktiv werden wollt, macht bei der Naturfreundejugend mit. Meldet euch bei:  i5n5f5o5Ø5c5l5i5m5a5t5e5s5.5a5p5p5 

 

Text: Linda Koch, mit Unterstützung von Aleš, Almut, Eileen und Paulina (Autor*innen der Blogreihe „Reisen ohne Flugzeug“)

Quellen

Erbes, Katharina; Siebel, Claudius; Griep, Reinhardt; Rostock, Stefan; Antz, Eva-Maria (2021): Walberber Statement: Ergebnisse und Forderungen der Fachtagung vom 10. und 11. Mai 2021. www.jugendakademie.de/wp-content/uploads/2021/06/aktuell-walberberger_statement-5-2021.pdf (29.03.2024).

Europäisches Parlament (2021). Europäisches Jahr der Schiene. 2021 – Europäisches Jahr der Schiene | Themen | Europäisches Parlament (europa.eu) (29.03.2024).

Neuroth, Oliver (2023). Regierung will Ticketsteuer auf Flüge erhöhen. Bundeshaushalt 2024: Regierung will Ticketsteuer auf Flüge erhöhen | tagesschau.de (29.03.2024).

Scientists for Future Deutschland (2019). „Unter 1.000 mach’ ich’s nicht“ – Scientists for Future startet Aktion gegen Kurzstreckenflüge in der Wissenschaft. „Unter 1.000 mach’ ich’s nicht“ – Scientists for Future startet Aktion gegen Kurzstreckenflüge in der Wissenschaft - S4F Deutschland (scientists4future.org) (29.03.2024).


***English Translation***

Our Demands to Politics for More and Easier Flight-Free Travel

Traveling without airplanes within Europe is possible. Especially due to Germany's central location, many places can be easily reached by train, bus, or ferry. Through land or water routes, impressive landscapes can be observed from the window, the journey can be made with exciting stops along the way, and traveling can be approached a bit slower. Sometimes, flight-free travel can also be cheaper, faster, and more comfortable. Unfortunately, the opposite is often true: traveling without airplanes is an expensive, time-consuming, and uncomfortable way of getting around.

In this blog collection, we present many reports of positive experiences, but also challenges, which are intended as inspiration for planning vacations, group trips, or business trips. Individual behavioral change is important, but by no means sufficient. From a global perspective, travel in general, and particularly by airplane, is a privilege. However, in Europe, traveling without airplanes can also become a privilege, as it may not be possible for everyone to take an alternative route.

In 2021, the EU declared the European Year of Rail – the aim was to promote the shift to trains as a safe and sustainable mode of transport. Within Europe, some countries have reliable and affordable train systems, high-speed routes, and overnight train connections that seriously compete with airplanes.

However, this is far from sufficient. Traveling by airplane should be the exception rather than the rule, especially in centrally located countries like Germany, for short and medium-haul flights. Structural changes must occur, which are only possible through political decisions. As part of the civilian population, we can voice our opinions and actively demand changes from politics.

Therefore, here is an initial list of demands on transport policy:

  • Expansion of rail transport. This applies especially to overnight trains, which are very popular and therefore often fully booked. When expanding, it is important to consider both ecological sustainability and social acceptability. This means that the expansion should not negatively impact the environment or the people living nearby.
  • It would also be important to have a unified booking system for trains within the EU. Especially for very long distances, tickets often have to be purchased from different train companies. This can lead to challenges in case of delays, as one may have to purchase a new ticket. It is often necessary to be very familiar with booking websites to find good and affordable connections. Booking processes should also be made as barrier-free as possible, for example through formulations in simple language, availability in different languages, or a well-functioning speech output. A unified and barrier-free booking system would therefore represent a low-threshold offer that would ideally facilitate the decision to use the train as a means of transportation.
  • Financially promoting rail transport more strongly, while reducing tax benefits for air travel. Costs incurred should not be borne by private individuals, but by companies. As the outcome of the debate on the national aviation fuel tax in Germany has shown, a sustainable effect can only be expected with an EU-wide regulation and implementation. This could also lead to flight routes being shifted to countries adjacent to the EU, which would have a negative effect. Weighing this is again a task for politics. However, it is essential that socio-ecological aspects are prioritized.
  • Climate-friendly travel should also be anchored in the funding logic for international youth travel, and air travel should only be reimbursed in exceptional cases. Here, we refer to the demanded consequences for the financial support of youth education and exchange of the Walberberger Statement. For this, the increased funding rate for Green Travel in the ERASMUS+ program or the extension of billable travel days is a promising but still expandable incentive. Approaches like that of the Beach Volleyball Club "Sand für Alle e.V.", which already uses travel time for programs, are promising and should therefore also be financially supported.
  • An adjustment of the travel cost law is necessary for business trips. It would be important to obligate the most environmentally friendly arrival and departure possible. A good guideline is the commitment of the Scientists for Future, who do not fly for distances under 1000 km. However, this voluntary commitment should become a binding obligation, which in turn should not be at the expense of social aspects. Solutions need to be found for parents or caregivers so that a flight-free arrival and departure does not cause social disadvantage. More digital and hybrid work meetings, additional childcare options, or care for dependent relatives, or the flight as a justified exception could be conceivable. If it is possible to work on the train or bus, this should be recognized as working time. It would be necessary to make the train as a workplace more attractive, for example through compartments with workstations and a reliable internet connection. It would also be important that the technical equipment that facilitates working during flight-free travel, such as packages for increased data volume or privacy screens for laptops, is financially supported and billable.

The list of demands is an initial collection that can be expanded by you!

We look forward to your feedback and ideas!

Linda Koch, with support from Aleš, Almut, Eileen, and Paulina (authors of the blog series "Traveling Without Airplanes")

Sources

Erbes, Katharina; Siebel, Claudius; Griep, Reinhardt; Rostock, Stefan; Antz, Eva-Maria (2021): Walberber Statement: Ergebnisse und Forderungen der Fachtagung vom 10. und 11. Mai 2021. www.jugendakademie.de/wp-content/uploads/2021/06/aktuell-walberberger_statement-5-2021.pdf (29.03.2024).

Europäisches Parlament (2021). Europäisches Jahr der Schiene. 2021 – Europäisches Jahr der Schiene | Themen | Europäisches Parlament (europa.eu) (29.03.2024).

Neuroth, Oliver (2023). Regierung will Ticketsteuer auf Flüge erhöhen. Bundeshaushalt 2024: Regierung will Ticketsteuer auf Flüge erhöhen | tagesschau.de (29.03.2024).

Scientists for Future Deutschland (2019). „Unter 1.000 mach’ ich’s nicht“ – Scientists for Future startet Aktion gegen Kurzstreckenflüge in der Wissenschaft. „Unter 1.000 mach’ ich’s nicht“ – Scientists for Future startet Aktion gegen Kurzstreckenflüge in der Wissenschaft - S4F Deutschland (scientists4future.org) (29.03.2024).