Let’s Go Outside! Eine sonnige Oktoberwoche in Lage Vuursche

Vom 17. bis 22. Oktober fand in den Niederlanden eine internationale Jugendbegegnung statt, die unsere FÖJlerin Anna begleitet hat. Hier berichtet sie von ihren Erlebnissen in Lage Vuursche.

17.10. – Es ist Montagmorgen, eigentlich noch viel zu früh, doch ich sitze schon seit geraumer Zeit im Zug – trotz der frühen Stunde voller Erwartungen und Motivation für die kommende Woche. Denn für mich geht es heute in die Niederlande auf einen internationalen Jugendaustausch. „Let’s Go Outside“, so lautet das Motto. Auch wenn alle Teilnehmenden bereits im Vorfeld eine grobe Programmübersicht erhalten haben, kann ich mir doch nicht so recht vorstellen, wie diese Woche verlaufen wird. Nicht zuletzt wohl, weil ich das erste Mal an einer Begegnung dieser Art teilnehme. Und dann gleich mit einem Auftrag: Als FÖJlerin bei der Naturfreundejugend soll ich während der Fahrt Fotos machen und unseren Instagramaccount mit Storys von der Fahrt bespielen.

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Bei aller Vorfreude muss mir die Deutsche Bahn (wie sollte es auch anders kommen) natürlich schon im Zug von Berlin nach Utrecht einen ersten Dämpfer verpassen, verursacht durch ein unbeaufsichtigtes Gepäckstück in Duisburg, einen darauffolgend evakuierten Bahnhof und reihenweise ausfallende Zügen bzw. solche, die trotz Ankündigung einfach nicht kommen. Letztlich läuft es also darauf hinaus, dass ich auf halber Strecke bei meiner Familie in NRW übernachte und einen Tag verspätet in Lage Vuursche, meinem eigentlichen Ziel, ankomme.

18.10. – Neuer Versuch; diesmal verläuft die Fahrt tatsächlich ohne weitere Komplikationen. Bei meiner Ankunft pünktlich zum Mittagessen werde ich im Haus unserer niederländischen Partnerorganisation Nivon Jong gleich ganz herzlich empfangen – von Céline und Marije, die die Fahrt von Nivon Jong aus organisiert haben und begleiten, und von den neun anderen Teilnehmenden. Die kommen zum Großteil aus den Niederlanden, aber auch aus Portugal, der Mongolei, Österreich und Singapur sind Teilnehmerinnen dabei.

Obwohl ich die Kennlernaktivitäten und den Einstieg am Montag verpasst habe, kann ich mich mit einem spannenden Pilz- und Bushcrafting-Workshop am Dienstagnachmittag noch gut in das Programm und die Gruppe einfinden. Das liegt nicht zuletzt an der so offenen und lockeren Atmosphäre unter den Teilnehmer*innen, die sich bis zum Ende der Begegnung am Samstag durchzieht und schon beim Mittagessen direkt bemerkbar gemacht hat.

So geht es also für den ersten Workshop auf in den wunderschönen Wald, in dem das Haus von Nivon Jong liegt. Zwar fällt es mir bei der Pilzwanderung schwer, die ganzen englischen Begriffe und Namen zu behalten. Das macht den Workshop aber nicht weniger interessant, denn primär geht es darum, einen anderen Blick zu entwickeln auf das Ökosystem Wald und die Rolle, die Pilze darin einnehmen. Und das scheint auch zu funktionieren, denn alle folgen fasziniert den Erläuterungen zum Aufbau von Pilzen und der Anwendung bestimmter Pilzsorten, und die herumgereichten Exemplare werden besonders ausführlich inspiziert.

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19.10. – Dass der Workshop in vielen eine neue Begeisterung geweckt hat, bestätigt sich bereits am nächsten Tag, der mit einem ausgiebigen Waldspaziergang beginnt. Ausgiebig heißt hier jedoch keineswegs, dass die ausgesuchte Route besonders lang wäre. Erst dadurch, dass alle paar Meter ein Teil der Gruppe bei einem neuen Pilz oder anderen spannenden Entdeckungen stehen bleibt, wird aus der kleinen Runde durch den Herbstwald eine mehrstündige Wanderung, die uns im Programm dann doch etwas zurückwirft. Das aber aus gutem Grund, bietet das Wetter und die Jahreszeit doch die perfekten Bedingungen für eine solche Exkursion.

Neben dem Waldspaziergang steht heute ein Workshop zum Knüpfen von Seilen aus Brennnesseln und anderen Naturmaterialien an. Obwohl das ein gewisses Maß an Geduld und Geschick erfordert (an denen es mir zuweilen gleichermaßen mangelt), macht der Workshop der gesamten Gruppe überraschend viel Spaß – so viel Spaß, dass wir die Materialien für später am Abend aufbewahren. Denn da findet heute der gemeinsame Filmeabend statt, den man ja wunderbar nutzen kann, um nebenbei weiterzuknüpfen. Während wir nach dem Abendessen also gespannt die Dokumentation „Honeyland“ verfolgen, stehen die Fasern zum Knüpfen bereit, sodass nach dem Film diverse sehr lange Seile entstanden sind.

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20.10. – Der Donnerstag beginnt nach dem Frühstück mit einer Stunde Yoga im Wald, die sich für uns alle aber eigentlich viel kürzer anfühlt. Ab da ist Freizeit angesagt: Für den gesamten Vor- und Nachmittag haben wir die Möglichkeit, die Zeit selbst zu gestalten. Voller Energie geht es also für einen Teil der Gruppe nach Utrecht, das mit dem Zug nur etwa eine halbe Stunde von Lage Vuursche entfernt ist. Dort angekommen, empfängt uns als allererstes strömender Regen. Aber immerhin kommt der nur heute, denn in Utrecht gibt es genügend schöne Cafés, in die wir uns flüchten können – was wir auch kurzerhand machen.

Als es draußen etwas trockener ist, können wir noch an den Kanälen entlang durch die schöne Altstadt laufen, während wir typische Dutch Fries genießen. Der Nachmittag vergeht viel zu schnell, und bevor es wieder zum Bahnhof geht, müssen wir noch unbedingt einen Supermarkt aufsuchen. So groß ist die Faszination, die das niederländische Frühstück mit Hagelslaag und Schuddebuikjes bei vielen erweckt hat, dass wir uns für unsere Rückkehr mit einem gebührenden Vorrat eindecken müssen.

21.10. – An diesem Morgen müssen wir besonders früh aufstehen, um rechtzeitig für das geplante Birdwatching bereitzustehen. Dass wir so verschlafen sind, macht zum Glück die frische Luft ein wenig wett, spätestens aber bei Entdeckung der ersten Vögel sind alle gespannt mit dabei. Mit Ferngläsern in der Hand geht es durch den morgendlichen Wald, und genauso wichtig wie die Vogelbeobachtung sind für mich auch die Gespräche nebenbei, die ich mit anderen Teilnehmenden unterwegs führe. Schließlich ist es der letzte Tag, den wir komplett gemeinsam verbringen; und so beginnt bereits ein erstes Rekapitulieren der bisherigen Woche.

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Mit dem Programm aber sind wir bei weitem noch nicht am Ende. Ein neuer Höhepunkt wartet am Nachmittag mit einer Runde Mountainbiking auf uns. Habe ich mich vorher noch lustig gemacht darüber, wie man in den nicht gerade für ihre Berge bekannten Niederlanden von „Mountainbiking“ sprechen könne, werde ich doch bald eines Besseren belehrt. Denn unsere Route schlängelt sich abseits von breiten flachen Wegen durch den Wald, mit einigem Auf und Ab und einer Menge Wurzeln, von denen ich manchen gefährlich nahe komme… Vor allem für mich als absolut unerfahrene Mountainbikerin bleibt mir das also als echtes Erlebnis in Erinnerung, doch auch die anderen sind gleichermaßen verschwitzt wie begeistert, als wir zurück am Haus von Nivon Jong unsere Räder abgeben.

Obwohl wir alle wohl erschöpft ins Bett fallen könnten, ist für den letzten Abend noch etwas Besonderes geplant. In einer gemeinsamen Runde reflektieren alle für sich die Woche und berichten, inwieweit ihre Erwartungen erfüllt wurden, was sie mitnehmen und wie sie den Austausch für sich bewerten. Dabei wird schnell bemerkbar, wie sehr die Woche allen gefallen hat. Insbesondere als Auszeit vom stressigen Alltag, aber auch, um tolle neue Leute beim gemeinsamen Kochen, Spazieren und Werwolf Spielen am Abend kennenzulernen. So werden schon die ersten Pläne geschmiedet, wie wir uns alle beim nächsten geplanten Austausch wiedersehen können.

Auch dieser letzte Abend endet in einer Spielerunde und klingt aus mit Musik und Limbo – dafür, dass wir unsere Züge am nächsten Morgen erwischen müssen, wird es dadurch vielleicht ein klein wenig spät. Aber schlafen kann man ja auch unterwegs noch.

22.10. – Schon beginnt der Tag der Abreise und damit notwendigerweise auch der Abschied. Als alle Sachen gepackt sind, verabschieden wir uns also nach und nach schweren Herzens voneinander und machen uns auf den Weg zum Bahnhof. Lage Vuursche lassen wir zwar hinter uns zurück, aber es bleiben Erinnerungen an eine unvergessliche Woche – und sehr viele Fotos