Bericht vom Fachkräfteaustausch mit der Naturfreundejugend Österreich

Das Feuer weitertragen: Internationale Jugendarbeit in Wien

Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Passend zum Zitat des französischen Sozialisten Jean Jaures, machte sich eine Delegation zu Beginn des 100-jährigen Jubiläumsjahrs der Naturfreundejugend Deutschlands, auf zu den Wurzeln der Naturfreunde-Bewegung nach Wien. Ziel des fünftägigen Fachkräfteaustausches vom 23. – 28. Januar 2026 mit Aktiven der Naturfreunde Österreich und der Naturfreundejugend Österreich war es, die Ideale, Historie und Strukturen des Gesamtverbandes vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und verbandlicher Herausforderungen zu beleuchten, sich zusammen über die antidemokratischen Entwicklungen der Gegenwart auszutauschen und gemeinsam Anknüpfungspunkte für die internationale Jugendarbeit der kommenden Jahre zu finden.

Grundlage der (jugend-) politischen Analyse des gesellschaftlichen Rechtsrucks in den beiden deutschsprachigen Ländern bildete das Buch Radikalisierter Konservatismus der österreichischen Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl. Schwerpunkte der Exkursionen in Wien waren Orte der Demokratie und sozialistischer Reformen, die bis heute Stadt und Land prägen. Auf den Spuren des Roten Wiens, der Ära der sozialistischen Kommunalpolitik in der Bundeshauptstadt, die den Fokus auf sozialen Wohnbau, Bildung und Gesundheit legte, um die Lebensbedingungen der Arbeiter*innenklasse zu verbessern, erkundeten wir unter anderem den Karl-Marx-Hof, einer der Vorzeigebauten des Roten Wiens. Fachkundig von unserem Referenten und Stadtplaner Lukas begleitet, konnten wir wichtige Ansätze für die Stadt- und Wohnungspolitik als eine der zentralen sozialen Fragen diskutieren.

Die Bedrohung der demokratischen Zivilgesellschaft, durch FPÖ und AfD, deren Antifeminismus und Rassismus sowie die Notwendigkeit einer linken Politik, die widerständig bleibt und gleichzeitig Alternativen aufzeigt und umsetzt, waren Teil der Gespräche im Ministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung und im Nationalrat. Die beiden Bundesvorsitzenden, Stefan Loidl (NFJÖ) und Frank Hoppe (NFJD) sprachen dazu mit der Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner und der Nationalratsabgeordneten und stellvertretenden SPÖ-Bundesvorsitzenden Julia Herr.

Das Aufwachsen von jungen Menschen in beiden Ländern angesichts der aktuell vielfach auftretenden Kriege und Krisen war Schwerpunkt des Austauschs mit der Bundesjugendvertretung, der seit 2001 auch gesetzlich verankerten Interessenvertretung aller Kinder und Jugendlichen in Österreich. Wir lernten deren Konzepte zur Stärkung der psychischen Gesundheit von jungen Menschen kennen und blickten gemeinsam auf die ebenfalls massiv unter Druck geratenen Strukturen der europäischen und internationalen Jugendpolitik.

Die Weiterentwicklung der eigenen Verbandsstrukturen kam nach dem Blick auf Gesellschaft und Politik ebenfalls nicht zu kurz. Nach einem Besuch der Geschäftsstellen der Naturfreunde Österreich und der Naturfreunde Internationale sowie beider Jugendorganisationen, konnte sich noch in der großen Kletterhalle der Naturfreunde Wien sportlich verausgabt werden. Dies gab insgesamt einen guten Überblick über Aktivitäten, Häuser und Bildungsmaterialien der österreichischen Genoss*innen. Insbesondere im Sportbereich konnten so viele Impulse mitgenommen werden.

Am letzten Abend der Delegationsreise bestieg die Gruppe, erfüllt von Dankbarkeit für die erfahrene Gastfreundschaft, den Nachtzug. Zurück blieb der Eindruck, dass in unterschiedlichen Ländern entlang gemeinsamer Werte und Themen gearbeitet wird. Die Reise vertiefte das Verständnis für bestehende Verbindungslinien und mögliche Anknüpfungspunkte, um die Zusammenarbeit in Zukunft weiter zu stärken. In Anlehnung an das eingangs erwähnte Zitat von Jean Jaurès lässt sich sagen: Das Feuer wurde neu entfacht – und kann im kommenden Jahr an die Teilnehmenden einer internationalen Jugendbegegnung in Wien weitergegeben werden.