Wie bewegen wir die Welt?

Warum scheitern manche Bewegungen und warum erreichen andere ihre Ziele, stürzen gar Diktatoren oder erkämpfen sich elementare Rechte, wie das Recht wählen zu dürfen?

Wir sehen einer globalen Klimakatastrophe entgegen. Die meisten Regierungsvertreter*innen zeichnen sich jedoch noch immer durch erschreckende Untätigkeit aus. Die Frage ist also von höchster Wichtigkeit: Wie erreichen wir ein radikales Umdenken innerhalb der Zivilgesellschaft und insbesondere bei unseren politischen Verantwortungsträger*innen? Welche Mittel sind dafür geeignet und vertretbar?

Um diese Frage zu beantworten, werfen wir einen Blick auf eine Studie von Erica Chenoweth, auf die sich zum Beispiel die Umweltbewegung Extinction Rebellion beruft. Die Politikwissenschaftlerin in Harvard versuchte zusammen mit der Wissenschaftlerin Maria Stephan vom International Center of Nonviolent Conflict (ICNC) Mitte der 2000er dem Erfolg oder Misserfolg verschiedener Bewegungen auf den Grund zu gehen. Sie betrachteten im Zeitraum zwischen 1900 und 2006 323 militante und friedliche politische Bewegungen. Als militant bezeichneten sie Bewegungen, die Bombardements, Entführungen, die Zerstörung von Infrastruktur oder jedes andere Mittel, das Menschen oder Besitz schadet, anwenden.

Die Ergebnisse sind erstaunlich und eindeutig. Gewaltfreie Bewegungen haben eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, ihr Ziel zu erreichen, wie gewalttätige. In der Studie gilt eine Bewegung als erfolgreich, wenn sie nach dem Höhepunkt ihres Engagements mindestens innerhalb eines Jahres und als direkte Reaktion auf ihre Aktivitäten ihre Ziele vollständig erreicht hat. Nach diesen Kriterien führten 53 % der friedlichen Bewegungen zu einem politischen Umbruch und nur 26 % der gewalttätigen. Was macht friedlichen Protest so viel erfolgreicher?

Die beiden Wissenschaftlerinnen geben als den wohl wichtigsten Grund die Mobilisierungsfähigkeit an. Gewaltfreie Bewegungen bewegten im Schnitt viermal so viele Menschen wie die militanten. Sie waren zudem sehr viel heterogener und fanden dadurch Einzug in weite Teile der Gesellschaft. Auch alte Menschen und Menschen mit Behinderungen nahmen an den Demonstrationen teil. Bei militanten Protesten war der Prototyp eines*r Aktivisten*in meist fit, jung und männlich. Die Akzeptanz für friedlichen Protest war außerdem nicht nur innerhalb der Zivilgesellschaft höher, sondern auch innerhalb der globalen Medienlandschaft. Das heißt, sie hatten auch ein sehr viel höheres Potential weltweit Aufmerksamkeit und Sympathien zu erlangen.

Chenoweths Studie baut auf einer langen Historie von gewaltfreier Philosophie auf: Die afro-amerikanische Abolitionistin Sojourner Truth, die Aktivistin für das Frauenwahlrecht Susan B. Anthony, der indische Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi und der Bürgerrechtler Martin Luther King – sie alle waren überzeugt von der Macht eines friedvollen Protests. Die Studie bestätigt sie nun in ihrer Ansicht.

Warum aber scheiterten trotz dieser Erkenntnisse noch immer 47% der untersuchten friedlichen Bewegungen? Wobei Scheitern nach den strengen Kriterien der beiden Wissenschaftlerinnen nicht bedeutet, dass diese Bewegungen überhaupt keinen Einfluss ausgeübt hätten. Einer der wahrscheinlich entscheidendsten Gründe war, dass die „Gescheiterten“ nicht genug Unterstützung erhalten haben, um einerseits die Machtbasis des Gegners zu untergraben und um andererseits im Angesicht von Repressalien nicht zusammenzubrechen. Die Wissenschaftlerinnen sprechen von einer Art Kipppunkt. Erreichte die Mobilisierung ca. 3,5 % der Bevölkerung, so sei der Erfolg so gut wie garantiert. Zumindest gab es in der Untersuchung keine einzige Bewegung, die nach Erreichen dieses Kriteriums gescheitert wäre. 3,5 %: Das wären für Deutschland umgerechnet ca. 2,9 Millionen Menschen.

Am 20. September folgten hierzulande dem Aufruf zum globalen Klimastreik etwa 1,4 Millionen Menschen. Es gilt also lediglich, noch die andere Hälfte auf die Straßen zu bringen...

von Jana Scheffer

[aus: ke:onda, Ausgabe 2/2019 "Sag mir, wo liegt Utopia?"]

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