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Naturfreundejugend grenzenlos solidarisch: Das gute Leben für alle!

Leitantrag zur Bundeskonferenz 2017: Die Attacken auf ein gemeinsames Europa, auf soziale Gerechtigkeit und freiheitliche Demokratie sind in vollem Gange. Für Naturfreund*innen ist es daher Zeit, sich zu positionieren: In unserem Umgang miteinander, in unseren Freizeiten und Bildungsveranstaltungen, in unseren Bündnissen und Demonstrationen. Es gilt: Solidarität ist grenzenlos! Mauern haben keine Zukunft! Das gute Leben ist für alle!

Grenzen, das war für uns als junge Menschen in Deutschland lange etwas, das weitgehend zu verblassen schien. Viele von uns kennen keine D-Mark mehr oder erlebten als kleine Kinder ihre Abschaffung und die Einführung einer länderübergreifenden Währung. Durch das Schengen-Abkommen waren Grenzen in Europa für uns kaum noch mit Schlagbäumen und Absperrzäunen verbunden. Selbstverständlich schien uns jungen Menschen immer, dass die europäischen Länder in einer Union vereint sind und dass diese Zusammenarbeit in der Zukunft enger werden würde.

Die politische Lage hat sich inzwischen verändert: Nach einem kurzen Sommer der Migration wurden Grenzkontrollen in vielen Ländern wiedereingeführt. Zwischen verschiedenen Ländern wurden Zäune hochgezogen, die Überquerung der Balkan-Route wurde durch Grenzschließungen für Schutzsuchende fast unmöglich gemacht. Monatelang saßen und sitzen Menschen in unwürdigen Zuständen vor den Grenzen fest – bis sie in staatliche Lager gezwungen wurden und Menschen, die nach dem 20.03.2016 in Griechenland ankamen, unter der ständig drohenden Deportation in die Türkei gefangen gehalten wurden. Vom Sommer 2015 bis heute ist uns wieder grausam klar geworden, was Grenzen bedeuten können. Auch die Rechtspopulist*innen sind mit ihren neu-alten Ideen von Mauern auf dem Vormarsch. Schockierend deutlich wurde dies nach dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA mit dem geplanten Mauerbau zu Mexiko und dem Einreiseverbot für viele Muslim*innen.
Als Naturfreund*innen und als junge Menschen – als Demokrat*innen, Internationalist*innen und Sozialist*innen – glauben und kämpfen wir für die Überwindung gesellschaftlicher und nationaler Grenzen. Denn das gute Leben ist für alle da: Unabhängig von all den Grenzen, in die die heutige Gesellschaft uns presst!

Die solidarische Gesellschaft

Grenzen werden nicht nur zwischen Staaten gebildet, sondern auch zwischen oben und unten.
Besonders deutlich wird das im Bildungssystem, wo wir immer noch nach unserer familiären Herkunft abgeurteilt werden: Durch die in vielen Ländern noch gängige Einteilung in ein dreigliedriges Schulsystem werden Gesellschaftsschichten meist zementiert. Spätestens im Alter von zehn Jahren wird Kindern so ziemlich deutlich mitgeteilt, wo sie später im Leben stehen werden! Kinder und Jugendliche fangen oft schon nach wenigen Jahren unterschiedlicher Schularten an, sich von den jeweils anderen Schüler*innen zu entfremden und abzugrenzen. Auch bei gleicher Leistung bekommen als migrantisch gelesene Kinder oft schlechtere Noten und Schulempfehlungen. Kinder, die nicht in das Schema F der deutschen Schule passen, werden oft alleine gelassen. Inklusion auch von Kindern mit Behinderungen wird immer noch nicht gut umgesetzt. Auch das Geld ist nicht annähernd gerecht verteilt: Manche Kinder bekommen all ihre Wünsche erfüllt, andere können sich nicht die gewünschten Klamotten kaufen oder es reicht nicht für den Sommerurlaub; die Kinderarmut wächst weiter. All das muss sich ändern! Mit Bildung wird der Grundstein für die Gesellschaft von morgen gesetzt. Hier setzen wir uns für eine gerechte und mitbestimmte Schule ein, denn Kinder und Jugendliche können klar formulieren, was sie brauchen. In unseren Kindergruppen, Freizeiten und Ferienlagern versuchen wir alle mitzunehmen: Unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, sozialer Schicht, körperlicher und psychischer Beeinträchtigung oder sexueller Orientierung. Hier üben wir Demokratie und Mitbestimmung, genauso wie Solidarität und aufeinander Aufpassen. Nicht alles davon gelingt immer, aber Ziel und Weg sind für uns klar: Grenzen zwischen unterschiedlichen Kindern, unterschiedlichen Jugendlichen aufzuheben. Für eine solidarische Gesellschaft, in der alle gleichermaßen vom gesellschaftlichen Wohlstand profitieren.

Die vielfältige Gesellschaft

Frei von Grenzen zu sein, das bedeutet auch: Leben zu können, wie es sich richtig anfühlt! Selbst zu entscheiden, wie ich mich kleiden möchte; wie ich aussehen möchte; wie ich mich verhalten möchte. Wen jemand mag oder wie junge Menschen ihre Beziehungen zueinander leben, geht andere eben nichts an. Doch reaktionäre Bewegungen versuchen wieder stärker das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung einzuschränken: Sei es die „Demo für alle“ in Stuttgart, die Schüler*innen das Recht auf Lernen über Sexualität nehmen will, oder der jährliche „Marsch für das Leben“, der die Zeit wieder zurückdrehen und Frauen* das Recht über ihren eigenen Körper nehmen will. Hier gilt es klar zu sagen: Stopp, das ist nicht unsere Vorstellung vom guten Leben! Jede*r von uns darf lieben wie er*sie es will! Auch hier haben wir als junge Naturfreund*innen die Chance, auf unseren eigenen Freizeiten ein klares Statement zu setzen – gegen Sexismus, Homophobie und Hass.
Doch auch der gesellschaftliche Rassismus hat weiter zugenommen: Angriffe auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte sind in vielen Teilen Deutschlands traurige Normalität. Diskriminierungen gegenüber People of Colour gehören zum Alltag. Einige Naturfreundehäuser haben Geflüchtete aufgenommen, einige Naturfreundejugend-Gruppen ihre Angebote geöffnet und gleich neue geschaffen. In Bündnissen wie „Aufstehen gegen Rassismus“ und lokalen Antifa-Netzwerken sind wir oft aktiv. Mit internationalen Jugendreisen und gemeinsamen Treffen mit Naturfreund*innen aus anderen Ländern wollen wir nationaler Borniertheit konkret etwas entgegensetzen. Auf dem Kindergipfel 2016 beschäftigten wir uns mit unseren Stereotypen über Afrika. Wir sagen: No racism, nowhere!

Die offene Gesellschaft

Jetzt, da Rechtspopulist*innen oft den Diskurs bestimmen und die Welt unsicherer geworden zu sein scheint, schreien viele nach geschlossenen Grenzen. Wir aber wollen nicht in diese Welt zurück! Die Europäische Union muss eine Union der Menschen werden und nicht wie bisher eine der Wirtschaft. Sie muss demokratischer und sozialer – umfassend transformiert –, aber nicht abgeschafft werden. Die Möglichkeiten, Freundschaften in anderen Ländern zu schließen, umzuziehen und andere Sprachen zu erlernen, gehören zu unserer Generation. Dies muss allen ermöglicht werden: Durch offene Grenzen, Fördermöglichkeiten und internationale Austausche. Zurück zum Nationalstaat wollen wir ganz sicher nicht. Unsere Freund*innen aus afrikanischen Ländern oder dem Nahen Osten brauchen unsere Solidarität. Wie wir suchen sie nach dem guten Leben, doch die neoliberale Wirtschaftspolitik und die oft postkoloniale Entwicklungspolitik helfen ihnen nicht. Kriege, Diktaturen und Armut kennzeichnen das Leben vieler junger Menschen. Wir sagen deshalb: Jede*r Schutzsuchende muss die Chance bekommen, hierherzukommen! Und klar ist auch, dass jedes europäische Land die Pflicht hat Menschen aufzunehmen.

Die Attacken auf ein gemeinsames Europa, auf soziale Gerechtigkeit und freiheitliche Demokratie sind in vollem Gange. Für Naturfreund*innen ist es daher Zeit, sich zu positionieren: In unserem Umgang miteinander, in unseren Freizeiten und Bildungsveranstaltungen, in unseren Bündnissen und Demonstrationen. Es gilt: Solidarität ist grenzenlos! Mauern haben keine Zukunft! Das gute Leben ist für alle!

beschlossen auf der 11. Bundeskonferenz der Naturfreundejugend Deutschlands (Weimar, 28.-30.04.2017)

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