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Kinder und Jugendliche stärken – Gesundheit fördern.

Kinder und Jugendliche sollen selbst steuern können, wann und für wen sie stark und fit sein wollen – und wann sie darauf pochen, mit ihren vermeintlichen Schwächen anerkannt und respektiert zu werden.

Ausgangssituation

Das Thema Gesundheit begegnet uns heute beinahe überall: in der Werbung, in der Politik, in der Kita, im Gespräch mit Eltern, Freunden und Kolleg*innen. Es gibt Magazine und Zeitschriften, die sich ausschließlich mit gesunder Lebensführung beschäftigen, und im Fernsehen führen uns die unterschiedlichsten Formate immer wieder vor Augen, wie eine gesunde Lebensrealität auszusehen hat. Gesundheit ist in den vergangenen Jahren zum höchsten Ideal moderner Gesellschaften geworden. Das Streben nach Besitz und Wohlstand ist zu einem Streben nach Ästhetik und totaler Gesundheit geworden. Da verwundert es nicht weiter, dass auch die Gesundheit/der Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen zunehmend ins Blickfeld von Politik und Medien gerückt sind. Und anscheinend gibt es hier auch keinen Grund zur Freude. Während man früher automatisch davon ausgegangen ist, dass Jungsein an sich ein Garant für Gesundheit und Fitness darstellt, ist man heute diesbezüglich offenbar weniger optimistisch. Laut Journalist*innen und Politiker*innen sind Kinder und Jugendliche heute jedenfalls zu dick, zu aggressiv, zu unkonzentriert und zu faul. ADHS, Komasaufen, Fettleibigkeit und Depressionen sind die Begriffe, die zunehmend im Zusammenhang mit Jung-Sein genannt und thematisiert werden.

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) spricht in diesem Zusammenhang sogar von der Generation, die vor ihren Eltern stirbt. Das klingt alarmierend. Und umso erstaunlicher ist es dann, wenn ein Blick in oft herangezogene Studien ein ganz anderes und zum Teil konträres Bild zeichnet. So verfügen z. B. laut der KIGGS-Studie 2006 (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) die meisten Kinder und Jugendliche in Deutschland über einen vergleichsweise guten objektiven und subjektiven Gesundheitszustand. Infektionskrankheiten spielen beispielsweise dank des medizinisch technischen Fortschritts und sozialstaatlichen Interventionen kaum noch eine Rolle, und auch bei Übergewicht und Adipositas, Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Erkrankungen liegen die Fakten anders, als Politik und Medien dies vermuten lassen würden. So scheint z. B. bei näherer Betrachtung nicht die Anzahl der tatsächlich übergewichtigen und adipösen Kinder und Jugendlichen beunruhigend sondern, vielmehr die Tatsache, dass sich über die Hälfte der normalgewichtigen Mädchen und etwa ein Viertel der normalgewichtigen Jungen für übergewichtig und adipös halten. Ähnliche Tendenzen weisen die Bereiche Verhaltensauffälligkeiten und psychische Beeinträchtigungen auf. Richtig ist also: die meisten Kinder und Jugendlichen verfügen eigentlich über einen guten Gesundheitszustand, sind aber offenbar hinsichtlich ihrer körperlichen und psychischen Konstitution verunsichert. Richtig ist außerdem: Gesundheit ist nicht gleich verteilt. Neben dem sozioökonomischen Background spielen vor allem die Herkunft, das Geschlecht, der Zugang zu Bildung und die sexuelle Identität eine entscheidende Rolle in Sachen subjektivem und objektivem Gesundheitszustand. Wer arm, weiblich, nicht-weiß und nicht heterosexuell ist, fühlt sich nicht nur häufiger krank, er/sie ist es auch. Gesundheit ist also nicht gleich verteilt.

Anstatt dies aber anzuerkennen, nach Gründen der Benachteiligung zu suchen und aktiv dagegen vorzugehen, erleben wir derzeit eher ein Mobilmachen gegen die Betroffenen selbst. Dem Kranken werden zunehmend Unwillen und Disziplinlosigkeit vorgeworfen und jedes Anzeichen fehlender Bereitschaft zu Aktivität und Selbstvorsorge gilt nicht mehr nur als individuelles Problem, sondern vielmehr als unwirtschaftlich und asozial. Strukturelle Faktoren wie Armut, Erwerbslosigkeit, Zugang zu Bildung etc. werden bei dieser Betrachtung zunehmend ausgeklammert oder zu individuellen Problemen erklärt, die deshalb auch individuell durch den Einsatz von Willenskraft und Disziplin gelöst werden müssen. Mit Schlagwörtern wie Reform, leistungsabhängige Zuzahlungen und Selbstaktivierung wird hier euphemistisch eine Politik betrieben, die einzig und allein dazu dient, eine Umverteilung von Kosten von der Gemeinschaft auf den Einzelnen voranzutreiben – sprich: es geht hier um die Entsolidarisierung des Gesundheitssystems.

Begründet wird dieses Vorgehen stets mit der Sorge um den Erhalt des Sozialstaates, der angeblich durch die Herausforderungen der Globalisierung, des demographischen Wandels oder der Folgen von gesundheitsschädlichem Verhalten in Gefahr geraten sei. Jeder einzelne müsse nun seinen eigenen Lebensstil auf Wirtschaftlichkeit untersuchen und sich entsprechend verhalten (Ökonomisierung des Privaten). Bei dem Thema Gesundheit geht es also immer weniger um subjektives Wohlbefinden, Bedürfnisbefriedigung, Befähigung oder Teilhabe (wie es laut Definition der Ottawa-Charta1 sein sollte), sondern immer mehr um Ab- und Ausgrenzung, um Humankapital und wirtschaftliche Interessen.
Im Kontext eines neoliberalen Wirtschaftssystems lautet die Frage also nicht länger „Was schuldet die Gesellschaft dem Einzelnen?“, sondern „Was schuldet der Einzelne der Gesellschaft?“. Diese Schwerpunktverschiebung findet sich auch in der Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen wieder. Junge Menschen sollen zunehmend fit, leistungsfähig, flexibel, belastbar und mobil sein. Sie sollen eine hohe Frustrationstoleranz und ideale, gesunde (sprich: ausbeutbare) Körper aufweisen und auf Überforderung und Leistungsdruck mit angemessenen Strategien zu deren Beseitigung reagieren. Kurz: sie sollen den Anforderungen des Arbeitsmarktes entsprechen, ihr Humankapital gewinnbringend einsetzen und ihren gesunden fitten Mitbürgern nicht auf der Tasche liegen.
Selbstoptimierende Programme und Projekte findet man mittlerweile häufig schon auf Kindergarten- und Grundschulebene. Da werden Brotboxen in Grundschulen kontrolliert und bewertet, Kindergartenkinder regelmäßig zur Gewichtskontrolle auf die Waage gestellt und Jugendlichen Autogenes Training und Yoga bei Überforderung verordnet; alles zum Wohle des Kindes. Kinder und Jugendliche lernen im Rahmen solcher Projekte und Programme aber vor allem eins: das mit ihnen, so wie sie sind, etwas nicht in Ordnung, sprich verbesserungswürdig ist. Das kann und darf nicht das Ziel von gesundheitsfördernden Maßnahmen in der Kinder- und Jugendarbeit sein. Hier sehen wir Handlungsbedarf. Hier sehen wir die Jugendverbände und vor allem ihre haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in der Verantwortung. Denn es besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem berechtigten und notwendigen Schutz des Kindeswohls und dem Wunsch, ideale, sprich: produktive und kostengünstige Staatsbürger heranzuziehen.


Handlungsbedarf

Gesundheitsförderung muss wieder den Kindern und Jugendlichen selbst dienen. Gesundheitsförderung muss alle Kinder und Jugendlichen unabhängig ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrem Zugang zu Bildung und ihrer sexuellen Identität dienen. Gesundheitsförderung muss eine Rückbesinnung auf ihre ursprüngliche Definition2 (Ottawa-Charta) erfahren.
Deshalb gilt:

  1. Die Naturfreundejugend Deutschlands sagt „Nein“ zu willkürlich festgelegten Richtwerten und Normen. Im Fokus einer „naturfreundlichen“ Gesundheitsförderung stehen: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Willkürlich festgelegten Richtwerten und Normen (zum Beispiel Body-Mass-Index und Körperideale) stehen wir demzufolge kritisch gegenüber, da sie unweigerlich Ab- und Ausgrenzung erzeugen. Als Naturfreundejugend treten wir aber für eine solidarische Gesellschaft ein, in der alle die Möglichkeit erhalten, sich entsprechend ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse in die Gesellschaft einzubringen, an ihrer Entwicklung zu partizipieren und Anerkennung zu erfahren. Jegliche Form von Gewalt, Unterdrückung und Diskriminierung stehen dem unvereinbar gegenüber.
  2. Die Naturfreundejugend Deutschlands unterstützt Kinder und Jugendliche beim Einfordern ihrer Rechte. Wir begreifen Kinder und Jugendliche nicht als passive Konsument*innen, die in Sachen Gesundheitsförderung belehrt, angeleitet und erzogen werden müssen. Vielmehr erkennen wir an, dass Kinder und Jugendliche Expert*innen für ihre eigene Lebensrealität sind. Im Sinne einer „naturfreundlichen“ Gesundheitsförderung unterstützen wir deshalb Kinder und Jugendliche beim Äußern ihrer individuellen Bedürfnisse und Wünsche und beim Einfordern ihrer Rechte. Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit steht hierbei an erster Stelle. Nur wer sich frei entfalten darf, kann sich mit sich selbst, seinem Körper, seinem Fühlen, Denken und Handeln wohlfühlen.
  3. Die Naturfreundejugend Deutschlands widersetzt sich der Ökonomisierung des Privaten. Leistung sowie Leistungsbereitschaft lehnen wir als Parameter zur Beurteilung des Gesundheitszustandes (von Kindern und Jugendlichen) ab. Gesundheitsförderung darf kein Instrument der Vermehrung oder Verbesserung von Humankapital oder Wirtschaftsstandorten darstellen. Gesundheitsförderung soll einzig und allein dem Menschen, den Kindern und Jugendlichen selbst, dienen. Wir widersetzen uns den vermeintlichen Sachzwängen einer neoliberalen Ideologie, die die Globalisierung, den demographischen Wandel oder die angeblichen Folgen von gesundheitsschädlichem Verhalten auf den Sozialstaat als Argument zur Einschränkung von Persönlichkeitsrechten missbrauchen. Sozialabbau ist keine Reform, Leistungskürzungen von Hilfeempfängern stellen keine Aktivierung, also Hilfe zur Selbsthilfe dar. Im Kern aller Motivationen in Sachen Gesundheitsförderung muss der Anspruch auf ein besseres Leben für alle und nicht der Verwertungsgedanke stehen.
  4. Die Naturfreundejugend Deutschlands tritt ein für ein selbstbestimmtes Leben. Kinder und Jugendliche sollen für ein selbstbestimmtes Leben gestärkt werden, für eine kritische Auseinandersetzung mit den Ansprüchen und Idealen, die gerade auch die Leistungsbereitschaft in der Schule, im Job und in der Freizeit gestellt werden. Kinder und Jugendliche sollen selbst steuern können, wann und für wen sie stark und fit sein wollen – und wann sie darauf pochen, mit ihren vermeintlichen Schwächen anerkannt und respektiert zu werden.

Position der Naturfreundejugend Deutschlands nach einem Beschluss der 9. Bundeskonferenz (2013)

Fußnoten:

1 Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung (im englischen Original: Ottawa Charter for Health Promotion) ist ein Dokument, das 1986 im kanadischen Ottawa zum Abschluss der Ersten Internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht wurde.
2 „Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl Einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können.“ (WHO 1986)

Downloads

Positionspapier Gesundheit fördern (0.75 MB)

Schlagworte: Gesundheit, Kinderrechte