Home | Impressum | Kontakt

Matthias - Rassismus vor meiner Haustür

Der Rassismus vor meiner Haustür ist Alltag geworden – und das Vorbeilaufen, wegrationalisieren, Wut unterdrücken ebenso. Vor meiner Haustür ist ein kleiner Drogenumschlagplatz. Ich wohne seit vier Jahren hier und kann mich nicht dran erinnern, dass es jemals anders gewesen sein sollte.

Gehört(e) eben zum Straßenbild - Menschen, die ich praktisch immer als „männlich“ und „schwarz“ lese, stehen dort und bieten mir seit Jahren Drogen an – ich lehne ab, leise, mit wenig Gestik, um keine Aufmerksamkeit auf diese Menschen zu ziehen.

Das war für mich Teil des Straßenbildes – was ist schon der große Unterschied zwischen Menschen, die die neueste Limo promoten und Menschen, die Gras verticken, außer dass die einen dafür in die Illegalität gezwungen werden und die anderen nicht?

Seit ca. einem Jahr hat sich das geändert. Wo früher vielleicht zweimal im Jahr die Polizei auftauchte, tut sie dies seit einem Jahr aufgrund geänderter (= verschärfter) Gesetzeslage fast täglich. Großrazzia. Kastenwagen rasen mit Blaulicht durch meine Straße. Türsteher-Typen steigen oft aus. Fast schon militärisch mutet das manchmal an.

Und natürlich gehen diese Polizist*innen vor allem zu denen, die äußerlich in das ihnen vorgegebene oder bekannte Raster passen. Menschen, die sie als „männlich“ und „schwarz“ lesen, wie ich.

Am Anfang bin ich erschrocken. War so direkt wie nie zuvor mit der Hin- und Hergerissenheit konfrontiert: greife ich da jetzt ein? Wenn ja, wie? Was kann ich tun und was ist sinnvoll? Muss es sinnvoll sein?

Ich greife eigentlich fast nie ein. Lasse den Rassismus zum Alltag werden. Fahre mit meinem Fahrrad an der täglichen Razzia vorbei, spüre, dass da wieder diese Wut ist. Starre die Polizist*innen böse an – habe aber meistens das Pech, dass die gerade mit ihren Drangsalierungen beschäftigt sind und sich herzlich wenig über einen grimmig schauenden Fahrradfahrer scheren.

Ja, da ist definitiv Wut, immer wieder! Das ist die Wut, die mich dazu gebracht hat, vorletztes Jahr einer Gruppe Rassist*innen den Stinkefinger zu zeigen (sehr intelligentes Argument, das ich da in die Diskussion geworfen habe) – nur um dann in eine Schlägerei verwickelt zu werden, bei der ich dann am Ende die Polizei gerufen hab. Ja, die Polizei. Die Ironie ist mir nicht entgangen.

Die Wut ist immer wieder da. Der Stinkefinger bleibt aber stecken. Fehlender Mut und das Rationalisieren der Situation in ein „ich kann da ja eh nicht helfen“. Selbstschutz. Das ist ein Teil davon. Ein anderer Teil ist oft, dass ich „zur Arbeit muss“ - oder doch „soo müde bin“ dass ich sofort zu meiner Haustür gehe. Alltag.

Und dann zwickt das irgendwo. Wirkt nach. Ich fühle mich scheinheilig, werde mir der ganzen Ausweichmechanismen bewusst, derer sich mein (Unter-)Bewusstsein so bedient. Werde wütend auf mich selbst, weil es kein Argument dagegen gibt, zumindest der (für die Polizei) nervige Passant zu sein, der einfach da steht und ab und zu nervige Fragen stellt. Vielleicht einfach nur um zu zeigen: Ich schau nicht weg, du hast einen Zeugen. Vielleicht ja auch nur um mein eigenes Gewissen zu beruhigen - White guilt und so. Aber falsch wäre es trotzdem nicht.

Der Rassismus um mich rum und in mir drin war und ist schon immer Alltag gewesen. Genau wie der Sexismus, der Ableismus, der Klassismus und wie sie alle heißen. Das Alltägliche verschleiert nicht nur, sondern es macht es auch sehr schwer, dagegen anzukämpfen, dass sowas Alltag bleibt.

Das muss mein nächster Schritt sein. Sowas sehen und dann versuchen zu begreifen, dass das gerade nicht „normal“ ist. Dass da gerade ein tiefer Einschnitt in ein Menschenleben passiert und ich zumindest dabei stehen sollte, Präsenz zeigen sollte. Nicht nur vor meiner Haustür.

Matthias_gelayoutet

Schlagworte: Viel.Entfalten