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Lukas - Asozial

Es war in der dritten oder vierten Klasse. Ich war also ungefähr 10 Jahre alt. Ich hatte eine Mitschülerin mit dem Namen Katja. Heute würde ich sagen, sie kam aus einer sozial schwachen Familie. Damals fiel das Wort asozial.

Es war in der dritten oder vierten Klasse. Ich war also ungefähr 10 Jahre alt. Ich hatte eine Mitschülerin mit dem Namen Katja. Heute würde ich sagen, sie kam aus einer sozial schwachen Familie. Damals fiel das Wort asozial.

Katja wohnte in keiner guten Wohngegend und hatte mehr als zwei Geschwister. Sie trug wahlweise viel zu große oder viel zu kleine Kleidung. Oft war ihre Wäsche dreckig. Und ihre Haare fettig. Manchmal hatte Katja keine Pausenbrote mit.

Es hieß, sie würde stinken. Ob das tatsächlich so war, oder schon Teil der Abwertung und Ausgrenzung, kann ich nicht mehr sagen.
Ihre Eltern waren arbeitslos und faul, tranken zu viel Alkohol und schlugen ihre Kinder. So erzählte man. Auch hier weiß ich nicht, was der Wahrheit entsprach und was erfunden war. Letztlich spielt es auch gar keine Rolle.

Ich erinnere mich wie wir regelmäßig nach der Schule in einem Pulk von vielleicht fünf Kindern hinter ihr her liefen. Sie beschimpften, schubsten, an ihren Haaren und an ihrer Kleidung rissen.
Ich erinnere mich, dass Katja weinte und es mich nicht davon abhielt weiterzumachen. Ihr Nachhauseweg dauerte etwa 20 Minuten.

Was muss Katja empfunden haben. In dem Moment? Oder auch viele Jahre später? Hat sie jemandem davon erzählt? Jemals? Oder hat sie sich geschämt?

Heute schäme ich mich. Und ich frage mich wie es dazu kommen konnte? Was hat uns so hart sein lassen? Warum hatten wir kein Mitgefühl?

Aufgehört hat das Ganze, als meine Mutter uns dabei erwischte. Sie wollte mich von der Schule abholen. Sie sagte gar nichts. Musste sie auch nicht. Ich sah mich sofort mit ihren Augen.

Lukas
 

Schlagworte: Viel.Entfalten