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Alexandra - Zivilcourage

Mein Vater war Jahrgang 1923. Obwohl intellektuell und querdenkend, war er ein begeisterter Junge in der Hitlerjugend. Gemeinschaft, Zusammenhalt, Abenteuer, mittendrin. Aus dem Krieg und der Gefangenschaft kehrte er geläutert zurück. Von da an wurden Antifaschismus, Offenheit und Zivilcourage Leitlinien für sein Leben. Somit auch in meiner Sozialisation, als Forderung und Auftrag an mich.

Ich versuche diesem Auftrag immer wieder gerecht zu werden, bin politisch wach und engagiert, aktiv in Aktionen und Kampagnen, mache meinen Mund auf. Und dann passiert es, ich versage im ganz konkreten Alltag.

Alltagsrassismus um mich rum, unter Kolleg*innen, im Kontakt mit Institutionen. Und ich beginne zu schweigen, in Situationen, in denen ich vermeintlich abhängig bin vom Wohlwollen der Kolleg*innen oder von einem positiven Bescheid vom Amt.

Das beginnt sich zu häufen. Mein Schweigen und die Anlässe. Denn der Ton hat sich rasant verschärft. Blanker, entsetzlicher Rassismus begegnet mir im Alltag. Schließlich hat „das muss man doch mal sagen dürfen“ Tür und Tor geöffnet. Jede*r meint undenkbare Dinge unbedacht äußern zu dürfen. Unsagbare Dinge! Unfassbare Statements!

Mir wird schlecht gegenüber der hässlichen Fratze des Alltagsrassismus. Mir wird ganz arg übel, weil ich schweige. Aufgrund einer gefühlten Abhängigkeit und aus Sorge um meine Existenz beginne ich zu schweigen. Mein Gesicht im Spiegel – ich will nicht, dass ich eines Tages vielleicht nicht mehr hineinschauen kann in den Spiegel, in mein Gesicht, weil ich mein inneres Toben und Zürnen, meine Zivilcourage nicht sichtbar gemacht und benannt habe. Weil ich einmal zu viel geschwiegen habe.

Um des lieben Friedens willens im Kolleg*innen-Kreis, in der Familie, unter Freund*innen und in Institutionen zu schweigen, ist falsch. Es gibt kein richtiges Schweigen um des falschen Friedens willens. Ich will eine Atmosphäre, in der platt, beschränkt, böse und verletzend über Andere gesprochen und geurteilt wird, nicht akzeptieren oder tolerieren. Immer wieder die Frage: Wer wird definiert und wer definiert. Und das macht mir Angst. Wer sitzt auf den Stellen, die über andere und deren Anliegen entscheiden.

Ich bin gerade im Kontakt mit vielen Ämtern von deren Bescheiden ich abhängig bin. Ich sitze vor Verwaltungskräften jeden Alters, lasse ihre groben pauschalisierenden Alltagsrassismen über mich ergehen. Ich habe geschwiegen, jetzt schon zu oft. Ich schäme mich.

Wie könnte ich reagieren, ohne in ganz verheerende Auseinandersetzungen zu geraten. Zum Beispiel: „Das, was Sie gerade von sich gegeben haben, verstößt gegen das Anti-Diskriminierungsgesetz, ich werde mich bei der entsprechenden Stelle über Ihre Äußerungen beschweren“. So einfach und doch so schwer für mich, wenn ich selbst betroffen bin. Andere in anderen Ländern, andere … wagen viel mehr, wenn sie ihre Meinung sagen.

Ich will nicht mehr Schweigen zum bösen Spiel! Ich denke an unsere Vorbilder! Hannah Arendt, Tucholsky, Weiße Rose, Edelweißpiraten, um nur wenige zu nennen …
„Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“ (Hannah Arendt) und ich sage zu mir selbst „Kein Mensch hat das Recht, zu schweigen, wenn Unrecht geschieht“

Ich weiß nich,t wie es mit meinem Mut bestellt ist. Aber ich will nicht mehr hauptsächlich in meiner politischen Aufklärungsarbeit an die anderen appellieren.

Was will ich ändern: Stopp! Sage NEIN! Ja, ICH sage nein! Wer sonst, wenn nicht auch ich?!

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Schlagworte: Viel.Entfalten